Der Weg zur ersten Theorie des Atomismus

Das Nachdenken über die Grundlagen unserer Welt gehörte von Beginn an zu den Themen der Philosophie. Die ursprünglichen Theorien mögen uns heute seltsam anmuten, vielleicht weit hergeholt und der Fragestellung inadäquat erscheinen. Letztlich, waren es aber auch solche Fragen und Antworten, die den wissenschaftlichen Fortschritt in Gang gesetzt haben.

Die frühesten Überlegungen zur Grundstruktur des Seins und der Materie wurden im ionischen Milet angestellt. Thales (ca. 624 − 546 v.u.Z.) sah den Urgrund allen Seins im Wasser. Auch wenn diese Auffassung bald überwunden wurde, so haben die ionischen Philosophen ein für die Philosophie wichtiges Prinzip eingeführt. Die Natur soll aus sich selbst heraus und ohne himmlische Mächte und mythische Interpretationen erklärt werden. Anaximander (ca. 610 − 546 v.u.Z.) abstrahierte von allen konkreten Substanzen und betrachtete das unendliche und formlose Apeiron als Urstoff. Seiner Auffassung nach werden alle konkreten Substanzen aus dem Apeiron gebildet. Anaximenes (585 − 528 v.u.Z.) schließlich kehrte wieder zu einem Urstoff, der bei ihm Luft war, zurück.

Mit Heraklit (ca. 535 – 475 v.u.Z.) verlassen wir Milet, bleiben aber in Ionien. Heraklit lebte in Ephesus und ist berühmt für seine Auffassung von der ständigen Veränderung der Welt. ”Alles fließt” und ”niemand steigt zweimal in denselben Fluss” sind weithin bekannte und prägnante Aussagen Heraklits. Für ihn war das Feuer das Urprinzip.

Parmenides (ca. 520 − 460 v.u.Z.) geörte zur eleatischen Schule in Italien. Er verneinte alle Veränderungen als absurd, verneinte die Existenz des Nichts, d.h. physikalisch betrachtet die Existenz des Vakuums, und betrachtete die Welt und das Sein als eine homogene Kugel. Diese Auffassung wurde der Ausgangspunkt der Atomtheorie von Demokrit. In chronologischer Folge müssen wir noch Empedokles (ca. 495 − 435 v.u.Z.), der auf Sizilien geboren wurde, einschieben bevor wir zur Atomtheorie kommen. Mit Empedokles treffen wir das erste Mal auf die vier Elemente Erde, Luft, Wasser und Feuer.

Demokrit (ca. 460 – 370 v.u.Z.) und sein Lehrer Leukipp (1. Hälfte 5. Jh. v.u.Z.), der selbst widerum Schüler von Parmenides war, lehnten Parmenides Verneinung der Existenz des Nichts ab. Sie entwickelten deshalb eine erste atomistische Theorie, in der sie sowohl Materie als auch den leeren Raum als Bestandteile der Welt betrachteten. Diese ermöglichte ihnen Veränderung zuzulassen und gleichzeitig das Konzept der Unveränderlichkeit bewahren. Gemäß ihrer Theorie zerfällt die Welt in homogene Atome und die Lehre zwischen ihnen. Diese Vorstellungen ähneln sehr dem Bild der kinetischen Gastheorie und führen zu zwei wichtigen Schlussfolgerungen. Erstens, aus Nichts kann nichts entstehen, und nichts kann zu Nichts werden. Zweitens, die Existenz des leeren Raums legt die Unendlichkeit der Welt nahe, die damit begründet wurde, dass die Welt nicht durch eine außerweltliche Macht geschaffen wurde.

Auf Basis dieser Theorie wurden eine Menge von Phänomenen und die Rolle von Atomen dabei erklärt. So sollen Sinneseindrücke dadurch vermittelt werden, dass sich feine Atomschichten von Dingen ablösen und die Eindrücke auslösen. Solche Sinneseindrücke können aber durchaus trügerisch sein.

Auch der Aufbau der Materie war Gegenstand der Untersuchungen. Die Seele besteht demnach aus besonders glatten, feuerartigen Atomen, die von Körperatomen umgeben sind. Seelenatome werden beim Zerfall des Körpers frei und sowohl der Körper als auch die Seele zerfallen in ihre einzelnen Atome.

Die Atomtheorie verschwand danach für lange Zeit von der Bühne der Philosophie. Das wird nicht zuletzt auch auf Aristoteles, der den Atomismus ablehnte, zurückgeführt. Aristoteles beeinflusste und schuf viele Gebiete der Wissenschaft, seine Gedanken schufen ein Wissenschaftssystem, den Aristotelismus, der erfolgreich in die Gedankenwelt und Machtstrukturen der römisch-katholischen Kirche integriert wurde. So ist es nicht verwunderlich, dass es fast zweitausend Jahre dauerte, bis die Zeit für die Wiederentdeckung des Atomismus reif wurde.

Literatur


[1] Károly Simonyi. Kulturgeschichte der Physik : von den Anfängen bis 1990. 2. Auflage Thun, Frankfurt am Main: Harri Deutsch, 1995.

Abbildungen: Wikipedia, Public-Domain.

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Kategorien: Philosophie, Physik

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