Forschungsförderung – Viel hilft viel! Wirklich?

Europäische Flaggschiffprojekte sollen für herausragende Forschungsergebnisse in strategischen Wissenschaftsfeldern sorgen. Die Freude über einen Milliardenregen auf der einen Seite ist verständlich. Sind Zweifel an der Wirksamkeit solcher Projekte berechtigt oder Neid?

Im Aprilheft der Zeitschrift Forschung und Lehre machte sich Claudius Gros von der Universität Frankfurt Gedanken zu Effizienz zentraler und großkalibriger Forschungsförderung: Forschungsförderung quo vadis? [1] Dazu diskutiert er die Möglichkeiten entweder auf kleine und mittlere Projekte zu setzen, um verschiedene Ansätze auszuprobieren, oder Mittel massiv für den Druchbruch an einer Stelle zu verwenden. Bei der Suche nach einer Antwort spricht Gros u.a. über

  • die Effizienz der Arbeit in den unterschiedlichen Projekttypen,
  • die angewendeten, oft nicht adequaten Bewertungsinstrumente wie Anzahl von Veröffentlichungen und Zitierungen, sowie
  • politsche Interessen an der Tendenz zur Zentralisierung und Planung nebst der Nutzung von Großprojekten in heutiger Symbolpolitik.

Sein Schwerpunkt in der Argumentation sind sogenannte Komplexitätsbarrieren in der Forschung. Die Aussage dazu ist, dass Komplexitätsbarrieren dem weiteren Ausbau des Wissens zwar nicht stoppen, jedoch erheblich erschweren und verteuern. Ein Beispiel einer Komplexitätsbarriere aus der Meteorologie sind die chaotischen Elemente des Wettergeschehens, die die Komplexität der Simulationen für einen verlängerten Prognosezeitraum exponentiell vergrößern und so den Effekt der verbesserten Leistungsfähigkeit neuer Computersysteme begrenzen. Gros zieht daraus die Schlussfolgerung, dass Großprojekte, die an Fragestellungen nahe von Komplexitätsbarrieren arbeiten, nur einen abnehmenden Grenznutzen erzielen können. Daraus leitet er ab, dass die weitere Vergrößerung des Anteils von Großprojekten und zentral gesteuerten Forschungsprogrammen nicht der geeignete Weg in der Forschungsförderung zu sein scheint.

Abnehmender Grenznutzen der Forschung an Komplexitätsbarrieren. Diese Aussage muss näher diskutiert werden. Ein erster Punkt ist die Frage des Charakters des Forschungsprozesses und eine Nutzendefinition. Darüberhinaus müssen wir einen Blick auf die sogenannten Komplexitätsbarrieren werfen.

Der effiziente Forschungsprozess

Einen Nutzen zu definieren bedeutet etwas zu messen und zu bewerten. Für Fragen der Forschungsförderung könnten das beispielsweise der geleistete Beitrag zum Erkenntnisfortschritt und die Effizienz der Forschungsarbeit sein. In der Wissenschaftsgeschichte nimmt man diese Bewertung praktisch ständig vor. Dort, mit größerem zeitlichem Abstand, kann man zu objektiven Einschätzungen kommen. Eine solche Bewertung wåhrend und unmittelbar nach Forschungsprojekten und ihre Verwendung als Managementinstrument und für Entscheidungen über die zukünftige Forschung ist jedoch mit großen Schwierigkeiten behaftet.

Groß- oder Kleinprojekte? Wie findet eigentlich Forschung statt? Kurz gesagt, beides ist notwendig, alles an seinem Platz.

In den letzten Jahrzehnten veränderte sich der Forschungsprozess grundlegend, vieles kann nur noch in größeren Gruppen erforscht werden. Großprojekte wie der Teilchenbeschleuniger LHC am CERN werden im voraus sehr sorgfältig auf ihre Erfolgschancen geprüft. Sie erfordern natürlich ein industrielles Projektmanagement und eine funktionierende Verwaltung. Das hat alles seine Berechtigung, da hier der Erfolg planbar ist. Diese Planbarkeit beruht letzlich auf den Eigenschaften der Materie. Ein größeres Forschungsinstrument, im Beispiel ein Beschleuniger mit mehr Energie, garantiert die Entdeckung neuer Elementarteilchen.

Wir können an dieser Stelle heute bereits die Prognose wagen, dass ein neuer, noch leistungsfähigerer Teilchenbeschleuniger wiederum neue Elementarteilchen über das Higgs-Boson hinaus entdecken wird. Diese Möglichkeit ist in der Unerschöpflichkeit der Materie begründet. Zuvor benötigen wir lediglich ein paar Physiker, die uns Theorien liefern, die neue Elementarteilchen vorhersagen und es erlauben den neuen Beschleunigers entwerfen.

Wir können also auf die heutige Großforschung in der Weise blicken, dass die Teams von Forschern in den Großeinrichtungen ihre Arbeit ganz entscheidend den Resultaten von Einzelkämpfern oder kleinen Gruppen verdanken. Forscher wie Einstein, Planck oder Higgs und seine Kollegen entdeckten die Ansatzpunkte der heutigen Großprojekte.

Damit kommen wir zu den typischen, kleineren Projekten in denen die Mehrzahl der Forscher beschäftigt ist. Diese sind eigentlich der Samen, in denen individuell oder in kleinen, hochproduktiven Gruppen nachgedacht wird. Aus ihnen wächst eine Vielzahl von Ideen, von denen einige wenige den ganz großen Durchbruch darstellen. Die Befriedigung einer zentralen Bürokratie durch die Wissenschaftler, wie sie mit der inzwischen fast durchgängigen Projektorganisation und strikten zeitlichen Befristung von Vorhaben und Beschäftigung einhergeht, kostet kreative Zeit und lenkt von der eigentlichen Aufgabe ab, einen kollegialen und kreativen Wettstreit der Ideen zu führen.

Forschung an Komplexitätsbarrieren – Wo sonst?

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Effizienz und den Komplexitätsbarrieren der Forschung?

Zunächst müssen wir festhalten, dass es unterschiedliche Arten von Komplexitätsbarrieren gibt. Nehmen wir ein Beispiel aus der numerischen Simulation, die heute eines der wichtigsten Werkzeuge der Forschung ist. Hier reden wir über die Komplexität der mathematischer Berechnungsverfahren. Sie kann für bestimmte Fragestellungen so groß sein, dass Lösungen für wachsende Problemgrößen nicht mehr praktisch berechnet werden können. Bei manchen dieser Probleme, wissen wir bereits endgültig, dass es keine besseren Lösungsverfahren geben wird. Bei anderen kennen wir zwar bisher keine besseren Methoden, sind aber auch nicht sicher, ob es sie nicht doch gibt.

Absolute Komplexitätsbarrieren entziehen sich einer weiteren Diskussion. Hier besteht lediglich die Möglichkeit, größere Probleme in der Zukunft durch bessere Computer praktisch lösen zu können.

Anders verhält es sich bei den noch nicht endgültig bestimmten Komplexitätsbarrieren. Sie können als momentane Grenzen des Wissens aufgefasst werden. Forschung zielt auf die Erweiterung der Grenzen des Wissens und befindet sich deshalb immer an einer Komplexitätsbarriere eines bestimmten Zeitpunkts und Gebiets. In manchen Zusammenhängen bezeichnen wir diese Wissensgrenze nur anders. Insofern können weder Forscher noch ihre Financiers wählen, ob an einer Komplexitätsbarriere gearbeitet wird oder nicht. Aus diesem Grund scheint es mir unmöglich zu sein, die Effizienz von Forschung bezüglich einer Komplexitätsbarriere zu ermitteln.

Ein paar Schlussfolgerungen

  • Nutzen kann im Voraus für gesellschaftliche Vorgaben an die Forschung definiert werden. So liegt er beispielsweise auf der Hand, wenn es gelingt, die Vorhersageperiode für Wetterprognosen um ein paar Tage zu verlängern. Der Nutzen einzelner Erkenntnisse, die sich in der Forschungsarbeit ergeben, kann erst im weiteren Verlauf der Forschung bewertet werden, wenn Resultate angewendet, nicht benötigt oder widerlegt werden.
  • Moderne Forschung benötigt einen Mix von kleinen, mittleren und großen Projekten, die sich gegenseitig befruchten.
  • Die Mittelverteilung zwischen diesen Projektformen ist für jedes Wissenschaftsgebiet unterschiedlich. Die Entscheidung darüber sollte den Wissenschaftlern überlassen werden.

Literatur


Claudius Gros. Forschungsförderung quo vadis? Effizienz und Komplexitätsbarrieren in den Wissenschaften. Forschung & Lehre 20 (2013) 4, 278-279.

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Kategorien: Gesellschaft und Kultur

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