Meteore sind hausgemacht

Am Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es als möglich angesehen, dass eine große Menge Meteorerscheinungen von interstellaren Objekten verursacht werden könnte (siehe dazu auch den Artikel „Die Erforschung der Meteorströme im 19.Jahrhundert“). Statistische Beobachtungen der Geschwindigkeitsverteilung sporadischer Meteore in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigten das häufige Auftreten hyperbolischer Bahngeschwindigkeiten und wurden als Bekräftigung des interstellaren Ursprungs vieler Meteore interpretiert. Umgestoßen wurde diese Theorie auf ein paar botanischen Versuchsfeldern, die unter dem dem Namen Jodrell Bank Observatory weltberümt wurden.

Radar in der astronomischen Forschung

Der Physiker Bernard Lovell war in den 1930er-Jahren an der Untersuchung kosmischer Strahlung interessiert. Durch den herannahenden 2. Weltkrieg wurde er in die britische Entwicklung von Radargeräten für Flugzeuge einbezogen. Nach dem Krieg nahm er seine Untersuchungen der kosmischen Strahlung wieder auf und wollte mit ausgedienten Radargeräten nach Spuren in der hohen Atmosphäre suchen. Die Radargeräte sollten eigentlich auf dem Campus der Universität von Manchester aufgestellt werden, wurden jedoch durch eine in der Nähe verkehrende Straßenbahn gestört. Deshalb erhielt Lovell die Erlaubnis für zwei Wochen im Dezember 1945 ein paar botanische Versuchsfelder außerhalb der Stadt zu benutzen.

Man sah schnell, dass die erwarteten Echos existierten, überraschenderweise jedoch viel häufiger auftraten als vermutet wurde. Lovell bekam jetzt Kenntnis davon, dass bereits während des Einsatzes von Radar zum Schutz von London vor Raketenangriffen sehr oft Fehlalarme aufgetreten waren. Diese fanden nun eine mögliche Erklärung durch sporadische Meteore in der oberen Atmosphäre. In den folgenden Jahren wurden Radarbeobachtungen von Meteorschauern durchgeführt um den Zusammenhang mit visuellen Meteoren zu beweisen und deren Echos von Effekten kosmischer Strahlung, die noch immer im Spiel sein konnte, zu unterscheiden. Zusammen mit anderen Aktivitäten führte in erster Linie diese erfolgreiche Forschung dazu, dass die lange abgelaufene Genehmigung des Standplatzes für zwei Wochen endgültig aufgehoben wurde und das Jodrell Bank Observatory (heute Jodrell Bank Centre for Astrophysics) seinen Platz fand.

Manchester wurde so auch im Herbst 1948 zum Ort einer Konferenz über Meteorforschung, an der alle Teilnehmer der andauernden Diskussion um den Ursprung der sporadischen Meteore teilnahmen. Cuno Hoffmeister und Ernst Öpik standen auf der einen Seite, die auf grund der vielen Meteoroide mit hyperbolischen Bahngeschwindigkeiten für einen interstellaren Ursprung und ein mögliches Reservoir außerhalb des Sonnensystems plädierte. Die gegenteilige Auffassung wurde von Fred Whipple und John Porter vertreten, die die Messungen als fehlerhaft ansahen.

Lovell wurde auf den Disput aufmerksam und ließ Beobachtungen sporadischer Meteore durchführen. Dabei kam eine neue Methode zum Einsatz, die Mitarbeiter seines Instituts gerade zur Bestimmung der Bahngeschwindigkeiten aus Radarechos entwickelt hatten. Bereits Weihnachten 1948 zeichnete sich ab, dass auch sporadische Meteore für hyperbolische Bahnen zu langsam sind und ihre Heimat ebenfalls in unserem Sonnensystem haben. Mit nachfolgenden Messungen wurde die Genauigkeit der Ergebnisse verbessert und durch eine andere Methode des Kanadiers D. McKinley bestätigt.

Die großteils in der Öffentlichkeit ausgetragene, nicht immer höfliche, ”engagierte” Debatte endete in den Jahren 1951-53 mit einer Reihe von Aufsätzen, deren Aussagen allgemein akzeptiert wurden. Ende gut alles gut? I. Williams argumentiert in einem Aufsatz aus dem Jahr 2004 dafür, dass die Fragen noch nicht abschließend beantwortet sind.

Literatur

J.G. Davies, A.C.B. Lovell: Radio echo studies of meteors, Vistas in Astronomy. Volume 1, 1955, Pages 585-598, ISSN 0083-6656, http://dx.doi.org/10.1016/0083-6656(55)90072-6.

A.G. Gunn: Jodrell Bank and the Meteor Velocity Controversy. In W. Orchiston (ed.): The New Astronomy: Opening the Electromagnetic Window and Expanding Our View of Planet Earth. Springer, 2005, pp. 107-118, http://dx.doi.org/10.1007/1-4020-3724-4_7.

Williams, I. P.: The velocity of meteoroids: a historical review. Atmos. Chem. Phys., 4, 471-475, http://dx.doi.org/10.5194/acp-4-471-2004, 2004.

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Kategorien: Astronomie

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