Das Frontispiz der Rudolfinischen Tafeln

Die Rudolfinischen Tafeln wurden 1627 durch Johannes Kepler veröffentlicht. Sie waren zu dieser Zeit die genauesten Planetentafeln und wurden über ein Jahrhundert als Grundlage für astronomische Berechnungen verwendet.

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Das Frontispiz der Rudolfinischen Tafeln ist eine allegorische Darstellung wichtiger Meilensteine der Astronomiegeschichte, wissenschaftlicher Arbeitsgebiete, die Grundlagen bereitstellen und nicht zuletzt eine Würdigung der Arbeitsleistung von Tycho Brahe und Johannes Kepler bei der Erstellung der Rudolfinischen Tafeln. Auf die Forderung der Erben Tycho Brahes hin diese bildliche Darstellung zu erläutern wurde Johann Baptist Hebenstreit, ein Freund Keplers und früherer Rektor des Gymnasiums in Ulm, mit der Verfassung eines Texts beauftragt. Das dadurch entstandene Idyllion ist ein Gedicht in Hexametern und wurde in die Rudolfinischen Tafeln aufgenommen.

Die Tempelhalle

Im Bild sehen wir den Tempel der Urania, der griechischen Muse der Astronomie. Sein Fußboden ist mit Sternen und Tierkreiszeichen bedeckt. Sie sind die Grundlage für alle Beobachtungen und erlauben die Bestimmung der Planetenbahnen. Der zentrale Tempelraum wird durch zwölf Säulen, von denen zehn sichtbar sind, begrenzt. Sie symbolisieren die zwölf Häuser des Tierkreises und stehen gleichzeitig für die Beobachtungen bekannter und unbekannter Astronomen.

Im Hintergrund sieht man rohe Baumstämme als Säulen, die das Dach nicht einmal ganz erreichen und mit Keilen befestigt werden mussten. Vor ihnen peilt ein vorzeitlicher Chaldäer die Sterne mit den Fingern an. Quadersäulen, ebenfalls ohne Instrumente symbolisieren weitere frühe Fortschritte der Astronomie. Die vier Ziegelsteinsäulen stellen Höhepunkte der antiken Astronomie dar. Ganz links steht die Säule des Aratus. Er schrieb das Gedicht Phaenomena, in dem er den Aufbau des Himmels und seine Bewegungen erklärt. Neben ihm wird Hipparchos hervorgehoben, der die Vorstellungen von Aratus durch eine Fixsternsphäre ergänzte. Hier lehnt er an seiner Säule und zeigt seinen Sternkatalog. Auf der rechten Tempelseite befinden sich die Säulen von Meton und Ptolemäus. Meton ist für die Entdeckung des neunzehn Jahre langen metonischen Zyklus bekannt geworden, der Kalenderjahre und Mondphasen verknüpft. Nach einem Zyklus wiederholen sich die Mondphasen im Kalenderjahr. Diese Erkenntnis war unter anderem für die Berechnung des Osterdatums sehr wichtig. Ptolemäus systematisierte die antike griechische Astronomie und vollendete sie in gewisser Weise. An seiner Säule lehnt das Diagramm einer Umlaufbahn mit Epizykel und Deferenten, der zu dieser Zeit bestmöglichen Beschreibung der Planetenbahnen. Ptolemäus selbst zeichnet ebenfalls an einem Diagramm. Auf dem Tisch ist ein Stück des Almagest sichtbar. Die astronomischen Instrumente an den Säulen der antiken Astronomen sind die Armillarsphäre von Aratus, ein Himmelsglobus für Hipparchos, bei Meton eine Rechenscheibe für den nach ihm benannten Zyklus und ein Astrolabium von Ptolemäus.

Nikolaus Kopernikus sitzt neben einer dorischen Säule und ist im Gespräch mit Tycho Brahe, der an der korinthischen Säule rechts von ihm lehnt. Kopernikus’ Instrumente sind der Jakobsstab und der Dreistab. Auf dem Sockel seiner Säule stehen auch die Beobachtungen von Regiomontanus und Walther, die Kopernikus verwendete. Tycho Brahe nimmt das Zentrum des Bildes ein. Seine präzisen Beobachtungen liegen den Rudolfinischen Tafeln zu Grunde. Er war es, der kurz vor seinem Tod von Kaiser Rudolf II. den Auftrag erhielt, diese Tafeln auszuarbeiten, die dann von Johannes Kepler, der ihm als kaiserlicher Mathematiker nachfolgte, vollendet wurden. Stattlich gekleidet in langer Robe trägt Brahe den Elefantenorden, die höchste Auszeichnung des dänischen Königshauses. Die Instrumente an seiner Säule sind der Quadrant und der Sextant, die ihm seine genauen Messungen erlaubten. Auch der erste Band seines Werkes ”Progymnasmata”, einer Einführung in die moderne Astronomie, liegt in seiner Nähe. Stolz weist mit der Hand auf sein eigenes Modell des Sonnensystems an der Unterseite des Dachs und fragt Kopernikus ”Quid si sic?” (Was, wenn es so wäre?)

Das Dach

Auf der Spitze des Tempeldachs thront Urania. Um sie herum platzieren sich Nymphen – Repräsentantinnen – aus einigen der Astronomie dienstbaren Wissenschaftsfeldern. Von rechts nach links sehen wir Magnetica mit Kompass und einem Magneteisenstein. Daneben steht Stathmica mit einer Balkenwaage, an der sich unter anderem die Sonne im Drehpunkt und die Erde befestigt sind. Diese Darstellung ist Keplers Epitome astronomiae Copernicanae entnommen und symbolisiert sein zweites Gesetz, dass die Veränderlichkeit der Umlaufgeschwindigkeit von Planeten beschreibt. Darauf folgen die Doctrina Triangolorum (Trigonometrie) und Logarithmica. Letztere hat zwei Stäbe in der Hand, deren Längen im Verhältnis 1:2 stehen, die Zahlen um ihren Kopf geben 0,6931472 an, den natürlichen Logarithmus der Zahl 2. Die nächste Figur ist Optica, symbolisiert durch ein Teleskop, in das dessen Strahlengang eingezeichnet ist. Ganz links sehen wir Aegle, die die Physik des Leuchtenden und Transparenten, des Lichts und des Schattens repräsentiert. Ihr Kopf stellt die Sonne dar, in der Hand hält sie eine von einer Atmosphäre umgebene Erde, die einen Schatten wirft. Unsichtbar für den Betrachter bleiben Geographica und Hydrographica, Computus, Chronologica, Mensoria altitudinem (Vermesserin der Entfernungen) and Archetypica.

Der kaiserliche Habsburger Adler lässt Goldmünzen auf die Astronomen, Kepler und den Buchdrucker regnen – Lohn für den erreichten Kenntnisstand. Kepler ist sich der Bedeutung sowohl der Vorleistungen anderer Forscher als auch des eigenen Beitrags wohl bewusst.

Das Fundament

Die Entstehungsgeschichte der Rudolfinischen Tafeln steht im Zentrum der Bilder des Tempelfundaments. Ganz links wird gezeigt, wie Tycho Brahes Erben dessen Beobachtungen an Kepler übergeben. Dieser sitzt im Bild daneben an einem Tisch mit dem Modell des Uraniatempels vor sich. Die mittlere Tafel zeigt die Insel Hven, auf der Tycho seine Beobachtungen durchgeführt hat. Zweck der Abbildung ist es den Meridian der Beobachtung zu zeigen. Hier ist aber offensichtlich ein Fehler in der Darstellung unterlaufen. Die beiden daran anschließenden Tafeln zeigen Szenen aus dem Buchdruck bei Jonas Saur in Ulm.

Literatur

Mechthild Lemcke. Johannes Kepler. (Rowohlt’s Monographien Bd. 529). Reinbek b. Hamburg: Rowohlt Taschenbuchverlag, 1995.

Nicholas Jardine, Elisabeth Leedham-Green and Christopher Lewis. Johann Baptist Hebenstreit’s Idyll on the Temple of Urania, the Frontispiece Image of Kepler’s Rudolphine Tables, Part 1: Context and Significance. 2013. Journal for the History of Astronomy 2014 45: 1.

Nicholas Jardine, Elisabeth Leedham-Green and Christopher Lewis. Johann Baptist Hebenstreit’s Idyll on the Temple of Urania, the Frontispiece Image of Kepler’s Rudolphine Tables, Part 2: Annotated Translation. 2013. Journal for the History of Astronomy 2014 45: 21.

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Kategorien: Astronomie

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