Post-Gutenberg?

Metal_movable_type Im benachbarten Philosophenstübchen wurde kürzlich eine Artikelserie veröffentlicht, die von Sven Birkerts Buch „Die Gutenberg Elegien : Lesen im elektronischen Zeitalter“ angeregt wurde. Interessant an diesem Buch ist, dass es 1994 erschien, dem Jahr als der Netscape-Browser veröffentlicht wurde.

Das war die Zeit als das Internet erstmals einer breiteren Öffentlichkeit ins Bewusstsein rückte. Annette Schlemm diskutiert viele Aspekte der Bedeutung des Lesens, hier soll die Bedeutung technischer Veränderungen für das Lesen im Mittelpunkt stehen.

Im ersten Essay des Buches – MahVuhHuhPuh – diskutiert Sven Birkert einige Veränderungen der Lesegewohnheiten und deren Auswirkungen. Er stellt Schwierigkeiten von Studenten in der Beschäftigung mit Literatur fest: Konzentrationsschwierigkeiten, unzureichender Worschatz und Probleme komplizierteren Gedankengängen zu folgen oder Ironie zu verstehen. Der Autor führt das auf deren Aufwachsen zurück, bei dem Musik, Videos und Fernsehen ständig präsent sind.

Die menschliche Geschichte wurde bisher überwiegend durch Worte, oft in Büchern, weiter gegeben. Wenn sich die Nutzung dieser Quellen stark verändert, erwartet Birkert Probleme in der Kontinuität der Entwicklung. Er stellt fest, dass die beobachteten Veränderungen von Gewohnheiten und Traditionen Ausruck einer Veränderung des gesamten Lebens und nicht nur ein Problem der jungen Generation sind. Eine Art der Informationsverarbeitung wird durch eine andere ersetzt.

Es ensteht im Zeitalter elektronischer Kommunikation

  • ein gewachsenes Bewusstsein für das „globale“ Bild,
  • eine reduzierte Aufmerksamkeitsspanne und wachsende Ungeduld bei ausdauernden Untersuchungen,
  • zerrüttetes Vertrauen in Institutionen und erklärende Darstellungen, die früher individuelle Erfahrungen formten,
  • eine Abwendung von der Vergangenheit, die Aufgabe einer Sicht auf die Geschichte als ansammelnder und organischer Prozess,
  • eine Entfremdung von Plätzen und Gemeinschaften,
  • die Abwesenheit einer starken Vision für eine persönliche und kollektive Zukunft.

Birkert bezeichnet diese Liste als „enorme Verallgemeinerung“ und „abstrakte Betrachtungen“. Heute, ca. 20 Jahre später, kennt jeder Beispiele aus seiner persönlichen Umgebung.

Der Text setzt dann mit der Vision einer alles übernehmenden Massenkultur fort, der sich vielleicht dadurch begegnen lässt, dass man sie zulässt, aber auch dafür sorgt, dass die Alternativen erlebt werden. Birkert sieht die Zukunft nicht als sich automatisch zum Guten hinentwickelnd.

  • Die Fähigkeit Bedeutung zuzuschreiben und nach ihr in der Welt zu suchen zeichnet die Menschheit aus, nicht ihr technologischer Prozess.
  • Die Fähigkeit zur Kommunikation durch Symbole, Sprache, ist die Grundlage dieser „Bedeutungsproduktion“.
  • Literatur beinhaltet Erfahrung und Teilhabe.

Hieraus wird die Schlussfolgerung abgeleitet, dass wir nicht dem Trugschluss verfallen dürfen, dass die elektronischen Helfer uns von der mühsamen Arbeit mit Texten befreien, dass wir nicht, wie Birkert sagt, von der Mühe befreit werden, die Seiten in Ruhe wenden zu müssen.

Dem muss man zustimmen. Birkert deutet an, dass die existierenden und befürchteten Probleme mit veränderten Nutzungsgewohnheiten in Zusammenhang stehen. Sind diese aber nicht vielleicht mehr ein Symptom statt der Ursache für gesellschaftliche Veränderungen? Wir werden sehen, wie die Diskussion weitergeht.

Literatur

[1] Birkerts, Sven. The Gutenberg elegies: The fate of reading in an electronic age. Boston, London: Faber and Faber, 1994.

Bild: Willi Heidelbach/Wikipedia

Kategorien: Geschichte, Gesellschaft und Kultur, Philosophie, Technik

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