Kekulés Traum

August Kekulé beschrieb 1890, wie ihn Tråume zur Entwicklung der Strukturtheorie anregten und ihm die Idee zur Struktur des Benzols gaben.

Seine Rede auf dem Benzolfest wurde im Bericht über die Feier zu Ehren von August Kekulé zum 25-jährigen Jubiläum der Entdeckung der Benzolstruktur abgedruckt. Die nachstehenden Auszüge schildern Kekulés Träume.

Vielleicht ist es für Sie von Interesse, wenn ich, durch höchst indiscrete Mittheilungen aus meinem geistigen Leben, Ihnen darlege, wie ich zu einzelnen meiner Gedanken gekommen bin.

Wahrend meines Aufenthaltes in London wohnte ich längere Zeit in Clapham road in der Nahe des Common. Die Abende aber verbrachte ich vielfach bei meinem Freund Hugo Müller in Islington, dem entgegengesetzten Ende der Riesenstadt. Wir sprachen da von mancherlei, am meisten aber von unserer lieben Chemie. An einem schönen Sommertage fuhr ich wieder einmal mit dem letzten Omnibus durch die zu dieser Zeit öden Strassen der sonst so belebten Weltstadt; „outside“, auf dem Dach des Omnibus, wie immer. Ich versank in Traumereien. Da gaukelten vor meinen Augen die Atome. Ich hatte sie immer in Bewegung gesehen, jene kleine Wesen, aber es war mir nie gelungen, die Art ihrer Bewegung zu erlauschen. Heute sah ich, wie vielfach zwei kleinere sich zu Pärchen zusammenfügten; wie grössere zwei kleine umfassten, noch grössere drei und selbst vier der kleinen festhielten, und wie sich Alles in wirbelndem Reigen drehte. Ich sah, wie grössere eine Reihe bildeten und nur an den Enden der Kette noch kleinere mitschleppten. Ich sah, was Altmeister Kopp, mein hochverehrter Lehrer und Freund, in seiner „Molecularwelt“ uns in so reizender Weise schildert; aber ich sah es lange vor ihm. Der Ruf des Conducteurs: „Clapham road“ erweckte mich aus meinen Träumereien, aber ich verbrachte einen Theil der Nacht, um wenigstens Skizzen jener Traumgebilde zu Papier zu bringen. So entstand die Structurtheorie.

Aehnlich ging es mit der Benzoltheorie. Wahrend meines Aufenthaltes in Gent in Relgien bewohnte ich elegante Junggesellenzimmer in der Hauptstrasse. Mein Arbeitszimmer aber lag nach einer engen Seitengasse und hatte während des Tages kein Licht. Fur den Chemiker, der die Tagesstunden im Laboratorium verbringt, war dies kein Nachtheil. Da sass ich und schrieb an meinem Lehrbuch; aber es ging nicht recht; mein Geist war bei anderen Dingen. Ich drehte den Stuhl nach dem Kamin und versank in Halbschlaf. Wieder gaukelten die Atome vor meinen Augen. Kleinere Gruppen hielten sich diesmal bescheiden im Hintergrund. Mein geistiges Auge, durch wiederholte Gesichte ahnlicher Art geschärft, unterschied jetzt grössere Gebilde von mannigfacher Gestaltung. Lange Reihen, vielfach dichter zusammengefügt; Alles in Bewegung, schlangenartig sich windend und drehend. Und siehe, was war das? Eine der Schlangen erfasste den eigenen Schwanz und höhnisch wirbelte das Gebilde vor meinen Augen. Wie durch einen Blitzstrahl erwachte ich; auch diesmal verbrachte ich den Rest der Nacht um die Consequenzen der Hypothese auszuarbeiten.

Literatur

Der Bericht ist auch online verfügbar, befindet sich aber trotz abgelaufenem Urheberschutz hinter der Paywall des Wiley-Verlags.

Schultz, G. (1890): Feier der Deutschen Chemischen Gesellschaft zu Ehren August Kekulé’s. Ber. Dtsch. Chem. Ges., 23: 1265–1312. doi:10.1002/cber.189002301204

Bildquelle: Wikipedia

Schlagwörter:, ,

Kategorien: Chemie

Kontakt

Wir sehen uns online.

%d Bloggern gefällt das: