Faktencheck gegen Fake-News – die Quadratur des Kreises

Über Versuche selbst-referenzielle Systeme zu erhalten und das Leben in ihnen.

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Politiker und Medien versuchen einstimmig einen Hype über die Problematik der sogenannten Fake-News (dt. Falschnachrichten) und die Notwendigkeit von Faktenchecks (dt. Tatsachenüberprüfungen) zu entfachen. Medienkompetenz, die seit Jahren in Schulen Teil des Unterichts ist, wird nun von jedermann gefordert. Die kann man doch eigentlich auch erwarten, oder?

Doch helfen die angegebenen Rezepte?

Der Blick auf den Ratgeber Richtig suchen im Internet : Ein Eltern-Ratgeber mit praktischen Übungen für Kinder und Jugendliche herausgegeben von klicksafe und Internet-ABC (Juli 2016) soll helfen sich einer Antwort zu nähern. Klicksafe ist „Die EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz“ und wird von der Landeszentrale für Medien und Kommunikation (LMK) Rheinland-Pfalz betreut.

Abschnitt 13 (Seite 31f.) enthält die typischen Ratschläge, wie sie ähnlich in allen vielen Broschüren oder auf Webseiten zu finden sind und in den Schulen unterrichtet werden.

Zusammengefasst kann man sagen, dass diese Hinweise durchaus nützlich sind und ihre Berechtigung haben. Gleichzeit können sie auch missweisend sein und werden dazu führen, dass viele qualitativ hochwertige Quellen als unzuverlässig bewertet werden.

Ein Beispiel. Es wird der Hinweis gegeben

Manchmal kann man an Datumsangaben erkennen, wann die Seite zuletzt aktualisiert wurde. Das lässt in vielen Fällen auch Rückschlüsse auf die Aktualität oder die Richtigkeit der Informationen zu.

Uns erschreckt eine solche Aussage. Die Erstellung von hochwertigem Inhalt auf der Basis einer sorgfältigen Recherche ist zeitaufwändig. Solche Inhalte können ohne Änderungen oft über eine längere Zeit verwendet werden. Eine schematische Anwendung obiger, in Schulen trainierter Regel wird jedoch dazu führen, derartige Quellen häufiger auszusortieren.

Auch andere Hinweise unter den Punkten Wie werden die einzelnen Ansichten auf einer Internetseite begründet? und Art und Zweck der Internetseite erschließen! sind wenig hilfreich und nicht schnell im Alltag durchführbar falls der Ersteller der Seiten nur etwas Mühe in die Verschleierung seiner Absichten investiert.

Problem dieser Regeln für einen „Faktencheck für jedermann“ ist, dass sie zwar einen gewissen Nutzen haben, jedoch stark auf stereotype, mechanisch prüfbare Kriterien setzen und ansonsten auffordern sich einen subjektiven Eindruck von der Seite zu machen. Sie geben jedoch keine Anleitung zur inhaltsbezogenen Arbeit mit Informationen im Internet.

Die kurzen Überlegungen hier zeigen bereits, dass es für einen normalen Internetnutzer im Alltag nicht praktikabel ist, eine umfassende Überprüfung von Informationen im Internet durchzuführen. Realistisch ist lediglich die Anwendung stereotyper Kriterien. Aber keine Sorge, diese Arbeit werden wir schnell wieder los. Das können und werden bald Algorithmen auf den umzäunten Spielplätzen wie Google und Facebook unter dem lauten Beifall von Politikern und etablierten Medien übernehmen. Kleinere Fehler werden dann von den „Freiwilligen Helfern der Volkspolizei der Regierung“ *) aufgespürt und den Betreibern des Internets zur Kenntnis gebracht. Genauere Details über die Arbeitsweise von Wahrheitsministerien sind seit längerem bekannt: 1984.

Welche Überprüfungen wären eigentlich noch notwendig?

Für die Bewertung der Glaubwürdigkeit von Informationen ist es unumgänglich von einem Informationsbestand auszugehen, der als richtig bzw. glaubwürdig angesehen wird (Referenzinformation). Neue Informationen müssen zu diesen Referenzinformationen in Beziehung gesetzt und logisch durchdacht werden. Das erfordert Zeit, den Zugang zu Referenzinformation und die Fähigkeit mit dieser umzugehen. Alle drei Elemente wurden zu allen Zeiten der menschlichen Geschichte begrenzt und reglementiert, um deren übermäßigen Gebrauch mit möglicherweise fatalen Folgen für Herrschende zu vermeiden.

Das war bis vor einigen Jahren kein größeres Problem. Die Verwendung einer autorisierten Wissensbasis, geschaffen durch öffentlich-rechtliche und private Medien sowie Verlage, die die Buch- und Lexikonproduktion kontrollierten, wurde in den Jahren stetigen Wachstums nur von kleinen, wirtschaftlich und politisch wenig einflussreichen Gruppen in Frage gestellt. Der Erfolg legitimierte die Forderung genau jene Wissensbasis alternativlos anzuwenden und konnte auch eine „lange Leine“ tolerieren.

Was wir gerade erleben?

Neu im Jahr 2016 ist nicht das Problem der Fehlinformation im Internet, neu ist ihr Ausmaß. „Neu“ ist auch, dass sich der Zugang zu Referenzinformation verändert hat. Weithin genutzte Autoritäten sind nunmehr Google, Wikipedia und einige soziale Medien. Diese verdrängen die in der früheren konzertierten Aktion geschaffene autorisierte Wissensbasis.

Die Aufgabe einer stabilen, Orientierung gebenden Wissensbasis ist Ergebnis der wirtschaftlichen Veränderungen in den letzen 20 Jahren und gleichzeitig eine Voraussetzung für diese. Die eingetretene Entwicklung ließ Grundfesten der Gesellschaft als altmodisch oder gar überflüssig erscheinen. Diese dann auch wirklich über Bord zu werfen erlaubte der Politik sich weiter von ihren Wählern zu lösen, da diese entweder (noch) kein Interesse an Widerstand hatten oder in ihrer Alltagsmühle voll beschäftigt waren. „Erst das Fressen, dann die Moral“, wie es Brecht sagte. Nun ist das Optimierungsziel fast zu genau erreicht – der Riss geht genau durch die Mitte der Gesellschaft. Wahlerfolge hängen an wenigen Tausend Stimmen, was nun mehr oder weniger zufällig 'mal beinahe oder 'mal ganz „schiefgehen“ kann, wie die Wahlergebnisse in den USA und Österreich zeigen.

Die niedrigen Zugangshürden zum Internet erlauben auch allen Akteuren abseits des Mainstreams verstärkt in die Öffentlichkeit zu gelangen, was zusammen mit der wirtschaftlichen Stagnation für breite Bevölkerungsgruppen in den westlichen Ländern zu einer Mischung wurde, die schneller als erwartet gesellschaftliche Veränderungen bewirken kann. Fake-News sind nichts anderes als der ins Internet verlagerte Stammtisch. Dass ihnen und ihrer Eindämmung eine solche Bedeutung wie in der aktuellen Debatte beigemessen wird, deutet darauf hin, dass man noch immer versucht ohne grundlegende Politikänderung „billig“ davonzukommen. Wir können gespannt sein, ob es gelingt am Stammtisch in Zukunft nur noch Mineralwasser auszuschenken. Prost!

*) Private Vereine, die finanziert mit staatlichen Geldern das Internet nach eigenen Regeln durchkämmen

Aktualisierung 17.12.2016: Heute veröffentlichte Josef Bordat auf Achgut.com den Artikel Faktencheck im Zeitalter der Postfaktizität. Er geht dort von der These aus, dass es seit den 1930er Jahren keine Wahrheit mehr geben solle, ein Standpunkt, den wir hier nicht teilen, doch kommt er ebenfalls zur Schlussfolgerung, dass es einen Maßstab in der Beschäftigung mit Fakten geben muss.

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Kategorien: Geschichte

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